„Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die Luft einziehen; sich ihrer entladen; jenes bedrängt; dieses erfrischt; so wunderbar ist das Leben gemischt.“
Johann Wolfgang von Goethe
Hyperventilation – Atemnot durch zu viel Atmen
Frau Kern, 21 Jahre alt, bekommt bei einem Disko-Besuch plötzlich eine so heftige Hyperventilationsattacke, dass viele Gäste zunächst vermuten, sie hätte einen epileptischen Anfall. Vor lauter Angst zu ersticken, atmet die junge Frau so rasch und tief ein und aus, dass die Symptome immer schlimmer werden – Krämpfe in den Händen, in den Füßen und ein Gefühl der totalen Benommenheit im Kopf. In der schnell herbeigerufenen Rettung beruhigt sie sich rasch, weil die Sanitäter vertrauensvoll wirken. Die im Krankenhaus erhobenen Befunde sind völlig normal. Dennoch fürchtet sich Frau Kern ab da an vor einer neuerlichen Hyperventilationsattacke, denn keiner der Ärzte kann ihr überzeugend genug erklären, wodurch der „Anfall“ entstanden sein könnte. Die Vermutung „Wahrscheinlich haben Sie sich zu viel aufgeregt“ kann sie nicht teilen, denn sie hatte sich bis zum Anfall ganz wohl in der Runde gefühlt. Drei Monate später bekommt sie im Elternhaus des Freundes eine neuerliche Hyperventilationsattacke. Sie misstraut den Ergebnissen der letzten Untersuchung und lässt sich erneut auf der neurologischen Abteilung eines anderen Krankenhauses durchchecken. Damit sie „von oben bis unten“ untersucht wird, verschweigt sie den letzten stationären Aufenthalt. Nach der neuerlichen Bestätigung der Diagnose „Hyperventilationstetanie“ rät ihr der beigezogene Konsiliarpsychiater zu einer Psychotherapie. Bereits nach einigen Therapiestunden wird ihr klar, dass sie aus Wut und Ärger hyperventiliert hatte: In der Diskothek sah sie ihren Freund plötzlich sehr eng umschlungen mit einer ehemaligen Mitschülerin tanzen, im Haus der Eltern ihres Freundes war ihr innerlich zum Platzen, weil ihr Freund bei einem Streit zu seiner Mutter statt zu ihr gehalten hatte. Frau Kern erkennt, dass sie Schwierigkeiten hat, Ärger innerlich wahrzunehmen und zuzulassen – und diesen erst schon gar nicht ausdrücken kann aus Angst, jemanden zu verletzen.
„Vor Wut schnauben“: Atmung und Psyche
Atmen ist Leben! Der Atem wird bereits in der Schöpfungsgeschichte der Bibel als „Lebenshauch“ bezeichnet. In den alten Sprachen wird für Atem dasselbe Wort verwendet wie für Seele oder Geist. Nach indischen Vorstellungen wird die Lebensenergie Prana über den Atem aufgenommen.
Der Mensch kann ohne Essen etwa 40 Tage, ohne Trinken nahezu 5 Tage, ohne Sauerstoff jedoch nur wenige Minuten überleben. Bei fehlender Sauerstoffzufuhr zum Gehirn treten bereits nach einigen Sekunden Schwindel und zunehmende Bewusstseinstrübung, nach 10 Sekunden eine Ohnmacht und nach 4 Minuten bleibende Gehirnschäden auf.
Die Atmung dient vor allem dem Gasaustausch in der Lunge: Sauerstoff wird aufgenommen, Kohlendioxid wird abgegeben. Sauerstoff ist die Verbrennungsenergie des Körpers, durch die alle Stoffwechselprozesse ermöglicht werden. Sauerstoff sorgt in den Körperzellen für die Verbrennung der Nährstoffe, wodurch diese zur Energiegewinnung nutzbar gemacht werden. Während der Sauerstoff verbrannt wird, entstehen Kohlendioxid und Wasser als Stoffwechselabfälle. Zu viel Kohlendioxid und zu wenig Sauerstoff im Blut führen zum Einatmen. Die Steuerung der Atmung erfolgt durch das Atemzentrum im Hirnstamm.
Die Atmung steht in enger Verbindung mit der Sprache, denn die Stimme wird durch die Atemluft gebildet. Sprechen ist tönendes Ausatmen. Lautäußerungen wie Stöhnen, Schluchzen, Keuchen oder Seufzen sind weitere ausdrucksvolle Varianten der Atmung.
Die Ruheatmung sollte nicht mehr als 15 Atemzüge pro Minute umfassen (bei Männern 12 bis 14, bei Frauen 14 bis 15 Atemzüge). Unter Belastung erfolgen bis zu 30 Atemzüge, bei gezielter Entspannung 6 bis 10 Atemzüge pro Minute. Schneller atmen beschleunigt den Herzschlag, weil der vermehrt eingeatmete Sauerstoff zu den Organen weiterbefördert werden muss. Langsamer atmen verlangsamt den Herzschlag. Einatmen bedeutet Anspannung, Ausatmen bewirkt Entspannung. Je flacher die Atmung, desto schneller ist sie und desto höher ist in der Regel auch die Herzfrequenz.
Auf den Umstand, dass sich bei starken Emotionen sofort die Atmung verändert, weisen auch zahlreiche Redewendungen hin – hier eine kleine Auswahl: Je nach Temperament können wir kurzatmig, langatmig oder atemlos sein. Manchmal halten wir vor Schreck den Atem an, verschlägt es uns den Atem, steht unser Atem still oder er stockt uns. Öfter bleibt uns die Luft weg, sind wir atemlos vor Aufregung. Wir schnauben vor Wut, lassen Dampf ab, machen unserem Ärger Luft oder haben letztendlich den längeren Atem. Mitunter ersticken wir fast an unseren Sorgen, aber wir kämpfen bis zum letzten Atemzug. Wenn wir keine Luft mehr haben, müssen wir uns wieder Luft verschaffen – oder wir können einen Stoßseufzer zum Himmel schicken!
Die Atmung nimmt eine Schlüsselstelle im vegetativen Nervensystem ein. Dieses reguliert die Atmung über seine beiden Äste: Das parasympathische Nervensystem bewirkt durch die Verengung der Luftröhre und das Zusammenziehen der Bronchialmuskulatur mehr körperliche Ruhe und Entspannung. Das sympathische Nervensystem ermöglicht durch die Erweiterung der Luftröhre, die Erschlaffung der Bronchialmuskulatur und die damit verbundene erhöhte Dehnbarkeit der Bronchien eine vertiefte Einatmung im Falle verstärkter körperlicher Aktivität.
Rasche Atmung bewirkt einen höheren Puls, langsame Atmung führt zu innerer Ruhe und Entspannung. Atmung und körperliche bzw. psychische Befindlichkeit hängen eng zusammen. Es ist unmöglich, ruhig und entspannt zu atmen und gleichzeitig aufgeregt zu sein!
Wenn man vor dem Einatmen zu wenig ausatmet, wie dies oft bei Stress, Erregung, Wut und Angst der Fall ist, stauen sich Kohlendioxid und Schlacken als Abfallprodukte des Atmens in der Lunge und gelangen ins Blut. Das wiederum bewirkt eine vorübergehende Vergiftung, die sich in Unruhe, Müdigkeit oder Erschöpfung äußert. Ständige Sauerstoffunterversorgung des Körpers führt langfristig zu Verspannungen, Kopfweh, Kreislaufproblemen, rascher Ermüdung und Konzentrationsschwäche.
Schock- und Schreckreaktionen äußern sich subjektiv in Atemanhalten, Zuschnüren der Kehle, einem „Kloßgefühl“ im Hals, allgemeiner Schwäche, Schwindel, Benommenheit und Erstickungsangst. Bei anhaltendem Schreck kann man kaum ausatmen, die Luft verbleibt im Körper, anschließend atmet man mit angespanntem Brustkorb wieder ein. Dies führt zu einem Spannungsgefühl in der Brust, meist auf der linken Seite, was oft herzbezogene Ängste auslöst. Grundsätzlich dient ein „Tief-Luft-Holen“ in Schrecksituationen dazu, innezuhalten, sich voll zu konzentrieren und dann gezielt zu reagieren (was bei „Schrecktypen“ unterbleibt).
Oft hält man die Luft an, um unangenehme Gefühle zu unterdrücken und Schmerzzustände besser auszuhalten. Äußerliche Enge spüren viele Menschen als innerliche Enge im Brustraum. Dies kommt auch in der lateinischen Wortwurzel für unser deutsches Wort Angst zum Ausdruck (angustiae = Enge der Brust). Wenn bestimmte Orte oder Räume auf uns beengend wirken, fühlen wir uns in unserer Freiheit eingeschränkt. Wir glauben, nicht mehr richtig durchatmen zu können und neigen zur Flucht ins Freie, wo wir vermeintlich mehr Luft bekommen – eine Tendenz, die gerade bei Menschen mit Platzangst (Agoraphobie) oft anzutreffen ist.
Alle starken Gefühle wie etwa Ärger, Wut, Angst, Panik, Schmerz, sexuelle Erregung oder stressbedingte Anspannung verändern die Atmung. Menschen mit Ängsten, chronischem Stress und Verspannung atmen meistens flach im oberen Brustkorbbereich und nutzen damit nur ein Drittel bis zur Hälfte der Lungenkapazität. Bei mehr Sauerstoffbedarf atmen sie noch stärker mit dem Brustkorb statt intensiver mit dem Zwerchfell. Bei emotionaler Erregung kann es zur Hyperventilation (zu rasche und zu tiefe bzw. zu flache Atmung) und bei plötzlichem Erschrecken zu einem vorübergehenden Atemstillstand kommen, gefolgt von einer intensivierten Atmung.
Störungen der Atmung findet man auch bei Patienten mit psychischen Störungen, vor allem bei Depressionen sowie bei Angststörungen. Depressive erleben oft Symptome wie Enge im Brustkorb (bis in den Hals reichend), Atemnot, Druck auf der Brust, Lufthunger, flache oder unregelmäßige Atmung, schweres Atmen und Hustenreiz. Angst- und Panik-Patienten leiden oft unter Beklemmungsgefühlen und Druckgefühlen im Brustbereich sowie unter beschleunigter Atmung bis hin zur Hyperventilation, die manchmal auch den Beginn einer Panikstörung markiert.
Tabelle 5: Psychosomatisch relevante Atemstörungen
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