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EX23 - Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie




EX23 - Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie


Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern,die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden

(„Serenity prayer“, Herkunft ungeklärt)



Eine kleine Warnung vorweg: In diesem Beitrag werden Sie einige Dinge lesen, die Sie möglicherweise verwirren, enttäuschen oder ärgern. Dies hat damit zu tun, dass er Aussagen enthält, die - Achtung: Jetzt kommen zwei Wortungetüme! - „kontraintuitiv“ und kontrakulturell“ sind, d. h. dem zuwiderlaufen, was naheliegend erscheint und in unserer Kultur als richtig und vernünftig gilt. Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie, die ich hier vorstellen möchte, ist eine kontraintuitive und kontrakulturelle Therapieform. Ich hoffe, Sie lassen sich nicht abschrecken, sondern lesen auch dann weiter, wenn Ihnen einiges zunächst unverständlich oder gar absurd erscheint.




Zunächst habe ich eine gute Nachricht für Sie: Wenn Sie unter Ängsten - Phobien, Panikattacken, Zwängen, der Furcht, krank zu werden, ständigen Sorgen und körperlichen Begleiterscheinungen - leiden, heißt das nicht, dass grundsätzlich etwas mit Ihnen nicht stimmt. Dass etwas mit Ihrer „Persönlichkeitsstruktur“ oder Ihrem Gehirn nicht in Ordnung wäre. Oder dass Sie zu dumm wären, um etwas nicht zu schaffen, was vielen anderen Menschen so mühelos zu gelingen scheint.




Vielmehr heißt es - so ist zumindest die Sicht der Akzeptanz- und Commitmenttherapie -, dass Sie etwas tun, was zunächst durchaus vernünftig erscheint. Sie gehen mit sich auf eine Weise um, die in vielen Bereichen unseres Lebens hervorragend funktioniert und von der wir von Kindesbeinen an hören, dass wir es so und nicht anders tun sollten. Vielleicht tun Sie es noch ein bisschen eifriger, gründlicher und perfekter als andere - und sind genau aus diesem Grund da gelandet, wo Sie heute stehen. Worin diese besondere Umgangsweise besteht, davon gleich mehr. Zunächst ganz kurz - versprochen! - einige Worte zum Hintergrund der Akzeptanz- und Commitmenttherapie, kurz ACT.




ACT (ausgesprochen als ein Wort, wie das englische Verb to act) ist ein relativ neuer psychotherapeutischer Ansatz, der jedoch auf Grundgedanken und Prinzipien der Verhaltenstherapie beruht (wie sie bereits in anderen Expertenbeiträgen des Angstportals vorgestellt wurden) und allgemein den «kognitiv-behavioralen» Verfahren zuzuordnen ist. Unter anderem heißt dies, dass auch ACT konkrete Verhaltensveränderungen anstrebt, denn schließlich gilt der Satz: Wenn man tut, was man immer getan hat, kommt das dabei heraus, was immer dabei herausgekommen ist. ACT fußt wie auch die Verhaltenstherapie auf der Grundvorstellung, dass seelische Probleme etwas mit ungünstigen Lernerfahrungen zu tun haben. Wir haben etwas gelernt, was heute nicht mehr nützlich ist, und müssen umlernen. Oder wir haben etwas nicht gelernt, was wir heute brauchen, und müssen nun dazulernen. Therapie ist also ein Lernprozess, was bedeutet, dass sich Veränderungen eher allmählich als plötzlich vollziehen und eher auf neuen Erfahrungen beruhen, die wir mit uns und unserem Leben machen, als auf intellektuellen Einsichten.
Außerdem bemüht sich ACT wie alle anderen verhaltenstherapeutischen Ansätze darum, die Wirksamkeit der Methode durch kontrollierte empirische Studien nachzuweisen. Allerdings gibt es einige gravierende Unterschiede zur klassischen Verhaltenstherapie und es wurden Überlegungen und Vorgehensweisen integriert, die zwar zu den Grundgedanken des ACT-Ansatzes passen, jedoch aus ganz anderen Richtungen stammen (z. B. der Gestalttherapie oder östlichen Meditationspraktiken).





ACT ist in Deutschland noch relativ unbekannt, hat jedoch in den USA und in mehreren europäischen Ländern bereits viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und wird sowohl in Fachkreisen als auch unter interessierten Laien heiß diskutiert.
So veröffentlichte das amerikanische Time-Magazine beispielsweise vor einiger Zeit einen großen Artikel zu ACT und einem seiner Begründer, Professor Steven Hayes. Der Artikel trug die aussagekräftige Überschrift: „Glücklichsein ist nicht normal.“ In unserer Kultur gibt es eine zentrale Botschaft, die man als Illusion oder auch als große Lüge bezeichnen könnte. Sie dringt aus allen Kanälen auf uns ein, wir hören sie überall, von den ersten bis zu den letzten Tagen unseres Lebens, von früh bis spät. Diese Botschaft lautet: Es ist möglich, das Richtige zu tun und sich gut dabei zu fühlen.
An den Einzelnen gerichtet wird daraus: Du musst effektiv handeln, ohne dabei Traurigkeit, Angst oder Wut zu empfinden. Wenn dir das nicht gelingt, stimmt etwas nicht mit dir.


Die Folge dieser „großen Illusion“: Wer es nicht schafft, das Richtige zu tun und sich dabei gut zu fühlen, reagiert auf eine von zwei Arten: Entweder hört er einfach auf, das Richtige zu tun. Oder er versucht, seine „negativen“ Gefühle in den Griff zu bekommen. Nach dem Motto: Irgendwie muss es doch gehen, andere schaffen es doch auch.


Die Liste von Dingen, die Menschen unternehmen, um sich nicht schlecht zu fühlen - also zum Beispiel keine Angst zu haben - ist endlos. Vielleicht überlegen Sie, ehe Sie weiterlesen, einmal kurz selbst, was Sie bislang alles getan haben, um keine Angst zu haben. Hier eine kurze, unvollständige Liste von typischen Maßnahmen, zu denen Menschen mit Angststörungen häufig greifen:

  1. sich abzulenken (durch Dinge, die sie sonst nicht tun würden, jedenfalls nicht so häufig oder intensiv),
  2. zu versuchen, positiv zu denken,
  3. sich von anderen (zum Beispiel Ärzten) bestätigen zu lassen, dass man keinen Grund zur Sorge hat,
  4. Orte, Personen, oder Situationen, die Angst auslösen könnten, zu vermeiden,
  5. aus angstauslösenden Situationen zu fliehen,
  6. darüber nachzugrübeln, wie man die befürchtete „Katastrophe“ noch vermeiden könnte,
  7. zu versuchen, die Angst zu unterdrücken oder zu betäuben (z. B. auch mit Alkohol, Drogen oder Medikamenten),
  8. irgendwelche „Sicherheitsmaßnahmen“ zu ergreifen (z. B. Mitführen von Beruhigungsmitteln „für alle Fälle“ oder Bemühung um absolut untadeliges Verhalten bei Angst vor Ablehnung),
  9. beruhigende Rituale auszuführen (Waschen, Kontrollieren etc.) oder
  10. die „Ursachen“ für die Angst zu analysieren (Warum bloß?).


Alle diese Maßnahmen haben zwei Dinge gemein. Erstens: Sie funktionieren oft nicht oder höchstens kurzfristig. (Sonst gäbe es nicht so viele Menschen mit Angststörungen - und möglicherweise würden Sie dann auch nicht diesen Artikel lesen.) Zweitens: Sie haben teils gravierende negative Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen (und manchmal
auch ihres Umfelds), was oft der Grund dafür ist, dass sich im Anschluss an eine Angststörung zusätzlich noch Depressionen einstellen. ACT spricht in diesem Zusammenhang von „schmutzigem“ Leid, das dadurch entsteht, dass „sauberes“ Leid vergeblich bekämpft wird.





Wenn Angstpatienten sich in Psychotherapie begeben, haben Sie oft die Vorstellung, dass hier endlich etwas geschieht, wodurch sie ihre Angst loswerden. Der Besuch beim Therapeuten ist also zunächst oft - ebenso wie vielleicht das Anklicken des Angstportals oder das Lesen dieses Artikels - ein weiterer Versuch, endlich herauszubekommen, wie man das denn hinbekommt, keine Angst zu haben. Wie man das Fürchten verlernen kann. Und hier gibt ACT eine Antwort, die sich von den mehr oder weniger ausdrücklich gegebenen Versprechen anderer Therapierichtungen deutlich unterscheidet: Gar nicht. Es gibt keine Möglichkeit, keine Angst zu haben, wenn Angst einmal aufgetreten ist. Ja, jeder Versuch, Angst kontrollieren zu wollen, macht alles nur noch schlimmer. Der Kampf gegen die Angst ist ein Kampf, der nicht zu gewinnen ist. Und zwar von niemandem - auch wenn es zahlreiche kulturelle Botschaften gibt, die dies nahelegen, und auch wenn es so aussieht, als würde es einem Teil unserer Mitmenschen gelingen.




Die Alternative zum Kampf gegen die Angst besteht im Annehmen, im Akzeptieren der Angst. Eine der zentralen Botschaften von ACT an den Patienten lautet daher: Akzeptiere deine Gefühle, auch die, die du nicht magst. Sie sind nicht das, wofür sie sich möglicherweise ausgeben. Ihr Auftreten zeigt nicht, dass etwas mit dir nicht stimmt. Dass du irgendwie „verrückt“ oder „kaputt“ oder „nicht ganz dicht“ wärest. Ihr Auftreten zeigt nur eines: Du bist ein Mensch, keine Maschine.


Puh …hart, das hier zu lesen? Sie wollten endlich erfahren, wie man es schafft, seine Ängste in den Griff zu bekommen, und nun lesen Sie, man sollte sie einfach akzeptieren. Halt, das habe ich nicht gesagt. Akzeptieren ja, aber dass dies einfach wäre, dem ist sicher nicht so. Und ACT lässt die Menschen, die von Ängsten und anderen quälenden Gefühlen geplagt werden, nicht mit ihren Problemen „im Regen stehen“. Vielmehr geht ACT davon aus, dass man lernen kann, sein Inneres - seine Gefühls- und Gedankenwelt - vollständig anzunehmen, und begleitet Menschen auf diesem Lernprozess.


Dieser Lernprozess umfasst folgende Aspekte, die hier nur grob umschrieben werden können, aber zu denen ACT ein umfangreiches Repertoire an einleuchtenden Erklärungen, anschaulichen Vergleichen und Metaphern und praktischen, erlebnisorientierten Übungen entwickelt hat:


  1. die Stärkung der Bereitschaft, zu empfinden, was auch immer man empfindet, der Bereitschaft, den eigenen Gefühlen Raum zu geben (was keineswegs bedeutet, sein Verhalten von Gefühlen beherrschen zu lassen, also automatisch wegzulaufen, wenn man Angst hat, oder aggressiv zu werden, wenn man sich über jemanden ärgert),
  2. die Befähigung, den jeweiligen Moment voll und ganz zu erleben, ohne ständig mit seiner Aufmerksamkeit in die Vergangenheit oder die Zukunft abzudriften (um sich z. B. über „ungelegte Eier“ Gedanken zu machen, wie es so typisch für viele Angstpatienten ist),
  3. die Möglichkeit, die eigenen Gedanken mit einer gehörigen Portion Skepsis und Abstand zu betrachten, ohne sie verdrängen oder sich ausreden zu müssen,
  4. die Kultivierung eines neuen Selbstgefühls, was voraussetzt, sich aus unbrauchbaren „Schubladen“ („Ich bin ein Angsthase“) herauszuholen und das, was in einem und um einen herum passiert, aus der Perspektive des „Beobachter-Ichs“ zu betrachten,
  5. die Weiterentwicklung der Vorstellung von dem, wofür es sich zu leben lohnt (den eigenen individuellen Werthaltungen),
  6. die Befähigung zu entschlossenem, ziel- und wertorientierten Handeln (hierfür steht der englische Begriff des Commitment).

Ich weiß, dass das alles in Ihren Ohren wahrscheinlich recht abstrakt klingt. In der Kürze ist es leider nicht möglich, das konkrete Vorgehen in einer Therapie nach dem ACT-Modell näher zu beschreiben, aber vielleicht sind Sie neugierig geworden und würden gerne mehr erfahren über die Akzeptanz- und Commitmenttherapie. Dann finden Sie unten einige Tipps zum Weiterlesen. Über ACT wurden bereits eine ganze Reihe von Büchern herausgebracht (die meisten auf Englisch, aber einige auch auf Deutsch), die sich zu einem großen Teil direkt an Betroffene richten, also als Anleitung zur Selbsthilfe gedacht sind. Aus Studien wissen wir, dass zumindest ein Teil von Patienten mit psychischen Problemen deutlich von solcher Literatur profitiert, was natürlich voraussetzt, dass man die Inhalte nicht nur passiv aufnimmt, sondern auch aktiv mit ihnen umgeht, d. h. sie auf die eigenen Schwierigkeiten anwendet. Die Bücher über ACT haben den großen Vorteil, dass sie genau beschreiben, wie das geht.



Literaturtipps:
Eifert, Georg H., McKay, McKay, Matthew, Forsyth, John P. (voraussichtl. 2009): Ärgernis Ärger. Bern: Huber (Übersetzung von ACT on life not on anger. Anwendung des ACT-Modells auf den Umgang mit Wut und Aggressionen).



Hayes, S. C. & Smith, S. (2007). In Abstand zur inneren Wortmaschine. Tübingen: DGVT-Verlag (Übersetzung von Get out of your mind and into your life, Darstellung der Grundgedanken von ACT und viele praktische Übungen).



Lejeune, Chad (in Druck): Leben mit kleinen und großen Sorgen. Stuttgart: Kreuz (Übersetzung von The worry trap, Anregungen und Übungen zum Umgang mit ängstlich gefärbten Grübeleien, unter denen viele Patienten mit Angststörungen und Depressionen leiden, insbesondere solche mit einer „generalisierten Angststörung“).




Wengenroth, Matthias (2008). Das Leben annehmen. Bern: Huber (Grundgedanken von ACT und viele praktische Übungen,
Fallbeispiele zu Depressionen, Zwängen, Panikstörung, generalisierter Angst, sozialer Phobie, Sucht.
Im Internet: www.daslebenannehmen.de


Für Fachleute:
Hayes, Steven C., Strosahl, Kirk D. & Wilson, Kelly G. (2004). Akzeptanz und Commitment Therapie. Ein erlebnisorientierter Ansatz zur Verhaltensänderung. München: CIP-Medien (der „ACT-Klassiker“: umfassende Darstellung von ACT und seiner wissenschaftlichen und philosophischen Grundlagen).




Autor:
Diplom-Psychologe Matthias Wengenroth, Jahrgang 1964, Psychologischer
Psychotherapeut, Studium der Psychologie in Wuppertal, Weiterbildung in
Verhaltenstherapie an der Uni Bochum, mehrjährige Tätigkeit in psychiatrischer Klinik im Ruhrgebiet, seit 2003 niedergelassen in
Solingen, Schwerpunkte: Angststörungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Lebenskrisen.




Praxisanschrift:

Mankhauser Str. 1
42699 Solingen
Tel.: 0212-3833899

E-Mail: praxis.wengenroth@web.de

Internet: www.daslebenannehmen.de

 











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